HELLO? PLEASE HELP!

Interview über die Telefonseelsorge // an interview about the telephone helpline

Es ist Mental Health Awareness Monat und die letzten vierzehn Monate waren für uns alle vermutlich psychisch belastender als gedacht. Weil so viele durch die Pandemie und individuelle Erfahrungen während dieser Zeit psychische Probleme haben, will ich dieses Jahr nicht über mich selbst und meine Fortschritte in der Therapie oder Bewältigung meiner Ängste sprechen. Viel mehr, soll es in diesem Blogpost um die Telefonseelsorge gehen, die in Zeiten des Lockdowns und der finanziellen Unsicherheit, eine (und oft die einzige) Möglichkeit ist, sich helfen zu lassen und/oder jemensch zum Reden zu haben.
Ich hatte das große Glück, ein anonymes Interview mit einem meiner Familienmitglieder zu führen, der ehrenamtlich bei der Telefonseelsorge arbeitet und sich mit mir über seine Erfahrungen ausgetauscht hat.

TW: In diesem Interview werden Selbstmord, Existenzängste, Psychiatrie, COVID-19 und generelle Ängste/Depressionen thematisiert.




It’s Mental Health Awareness Month and the last fourteen months have probably been challenging for many of us in lots of different ways. Because so many people have struggled mentally during this pandemic and due to their individual experiences, I didn’t want to talk about my own therapy journey and anxieties this year. Instead, this blog post is about the telephone helpline/suicide hotline, which for a lot of people is a way (or the only way) of getting help and having someone to talk to during lockdown and existential crises.
I was lucky enough to talk to one of my family members, who works for the German telephone helpline and spoke to me about his experiences and his work.

TW: There is mention of suicide, existential crises, psychotic hospitals, COVID-19 and general anxiety/depression in this interview.
F: Wofür/für wen ist die Telefonseelsorge gedacht?
A: Ursprünglich gegründet wurde der Vorläufer der Telefonseelsorge in England. Dort gab es auffallend viele Suizide, weshalb es Bedarf gab. Gründer war ein evangelischer Pfarrer, der der Lage nicht mehr Herr wurde. Er sagte, es muss ein Gesprächsangebot für diese suizidalen Menschen und Menschen mit psychischen Problemen geben. 

F: Wie läuft ein Telefongespräch ab? Was können Anrufer*innen von einem Anruf bei der Seelsorge erwarten?
A: Der*die Anrufer*in meldet sich, das geht anonym. Viele sagen: „Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll.“ Hier schaffe ich schon die Möglichkeiten, dass sie sich Zeit lassen können. Oftmals reden sie über irgendeine Sache. Dann merke ich sehr schnell, dass es um etwas ganz anderes geht. Die Anrufer*innen brauchen oftmals erst die Möglichkeit, dass sie spüren können, dass sie mit uns reden können, oder auch nicht.
Erwarten können die Anrufer*innen, dass sie angehört werden. Manchmal ist es schwierig, wenn die Erwartung zu groß ist. Wir können keine Rechtsberatung machen (dürften es auch gar nicht). Wir dürfen aber darauf hinweisen, dass die Anrufer*innen an dies und das denken könnten.

F: Warum engagierst du dich? Was waren deine Beweggründe und wie lange machst du das jetzt schon?
A: Ich war fast 27 Jahre in der Kommunalpolitik hier tätig. Irgendwann wollte ich das nicht mehr machen. Aber ich fühlte mich damals noch fit, wollte noch etwas anderes ausprobieren. Eine gute Freundin von mir, die bei der Telefonseelsorge ehrenamtlich arbeitete sagte immer zu mir: „Du musst Telefonseelsorge machen.“
Ich war damals gerade 56 Jahre alt, beruflich lief alles gut. Aber dann hatte ich ja ernsthafte gesundheitliche Probleme, die durch die totale Überlastung durch die Arbeit entstanden. Ich hatte eine Herz-OP mit 6 Bypässen. Da dachte ich schon: jetzt ist es vorbei. Ich konnte kaum noch arbeiten. Ich bin dann mit 62 in Rente gegangen. Vorher hatte ich mir überlegt, dass die Telefonseelsorge nochmal eine Aufgabe wäre. Ich bewarb mich, dann gab es ein Auswahlwochenende, ich wurde genommen. Geprüft wurden wir von Theologen und Psychologen. Dann ging es in die Ausbildung. Die dauerte über ein Jahr, was für mich schwierig war. Ich habe es aber geschafft und bin jetzt seit 15 Jahre aktiv.




Q: What is the telephone helpline for?
A: Originally, an early version of the helpline was founded in England. They had high suicide rates, which is why they needed a way to help people. The founder was a protestant priest, who was simply overwhelmed by the situation in his town. He said that those suicidal people and others with different mental/psychological illnesses and problems, needed the chance to talk to someone.

Q: What happens during a call? What can callers expect from the helpline?
A: The caller can talk to us anonymously. Many start off by saying: „I don’t even know where to start.“ That’s where I come in and give them the opportunity to take their time. A lot of times they talk about a random thing. I quickly realise that the conversation is actually about something completely different. But the callers need time to realise that they can talk to us, or not talk to us if they don’t want to and just need someone there.
The callers can expect that we will listen to them. Sometimes it’s hard, because they have high expectations. We can’t give legal advice (we are not allowed to either). But we can advice the callers to think about this or that option and take actions themselves.

Q: Why do you volunteer at the helpline? What were your reasons and for how long have you been working there?
A: I worked in local politics for almost 27 years. At some point I wanted out. But I still felt vital and wanted to try something new. A good friend of mine who volunteered for the helpline kept saying to me: “You should come work for the helpline.“
I had just turned 56 and my career was going great. But then I had serious health issues, caused by the huge work overload. I had a heart surgery with six bypasses. I thought: That’s it, it’s over. I was barely able to work. I retired at age 62. Before that I had already decided to volunteer for the helpline, because I thought it would be a way to take on something new. I applied, then there was a weekend where we had to go through a selection process and I got to the next round. We were evaluated by theologians and psychiatrists. Everyone had to go through a training that took over a year. That was quite challenging for me. But I managed it now I’ve been working for the helpline for 15 years.
F: Hat sich deine Arbeit bei der Seelsorge seit der Pandemie verändert? Gibt es mehr Anrufer*innen als früher?
A: Durch die Pandemie hat sich die Arbeit sehr verändert. Es gibt noch viel mehr Anrufe als vorher. Die Anrufer*innen – viele – haben Ängste, Einsamkeit steigt durch die Vorschriften, Existenzängste sind sehr oft Thema. Circa 20 % mehr Anrufe, wobei es schon vor der Epidemie unheimlich viele Anrufe waren.

F: Hilft es dir selbst fir dein seelisches Wohlbefinden anderen helfen zu können und zuzuhören, beziehungsweise, wie gehst du damit um, wenn dir die Arbeit mal schwerfällt?
A: Ja, das tut mir immer wieder selbst sehr gut. Oftmals bekommen wir direkt Rückmeldung, wenn die Anrufer*innen sich bedanken. Ja, es ist immer wieder sehr schwer, mit schwierigen Gesprächen umzugehen. Wir lernten in der Ausbildung schon, wie wir uns schützen können. Es gibt immer wieder Übertragungen. Das macht es immer wieder schwer. Auf der anderen Seite spüre ich schon, dass ich vielen Anruferinnen helfen kann.

F: Beeinflusst deine Arbeit bei der Seelsorge deinen Alltag oder verändert sich dein Umgang mit anderen Menschen? Hast du ein größeres Bewusstsein für mentale/psychische Probleme anderer entwickelt?
A: Die Arbeit beeinflusst mein Privatleben sehr. Ganz klar. Ich habe sehr viel gelernt. Gelernt besonders, dass ich andere Menschen einfach so nehmen muss, wie sie sind, nicht so, wie ich sie gerne hätte. Ich kann von mir sagen, dass ich schon immer ein gutes Gespür für andere hatte. Das ist aber noch sehr viel ausgeprägter geworden.

F: Hast du ein besonders prägendes Erlebnis gehabt, dass dich bewegt hat, und/oder dass schwer zu verarbeiten war?
A: Ich habe ganz viele schwere Gespräche im Kopf, die mich über lange Zeit begleiten und belasten. Es ist immer wieder schwer, wenn ein*e Anrufer*in sagt, dass er*sie sich jetzt umbringt…
Wenn es um positive Erfahrungen geht, hatte ich einmal ein langes Gespräch mit einer jungen Frau. Sie fragte mich dann, „Sind Sie Therapeut?“, ich, antwortete: „nein, ich bin ehrenamtlicher Mitarbeiter bei der Telefonseelsorge“, sie darauf: „Mein Therapeut macht nichts anderes als das was Sie gemacht haben, aber er bekommt dafür 95€.“
Oder noch eine andere Situation: eine Anruferin sagte, dass sie die Telefonnummer der Telefonseelsorge von ihrem Therapeuten bekommen habe, für die Zeit ab Freitagnachmittag so gegen 15:00 Uhr bis Montag, weil wir immer da wären. Das ist doch eine gute Auszeichnung für die Telefonseelsorge, oder?




Q: Has your work changed since the pandemic? Are more people calling during these times?
A: My work has definitely changed due to COVID-19. There are far more callers than usual. The callers – really, a lot – have anxiety, they feel lonely due to the restrictions. Many are scared for their existence due to financial trouble. That’s often addressed in calls. I think our numbers have gone up by 20%, but even before the pandemic there were a lot of people calling.

Q: Does it help you for your own mental state, when you are able to help someone? How do you deal with it, if your work is troublesome?
A: Yes, it does feel good every now and then. A lot of the times we get feedback from the callers themselves, during our conversations; they thank us. But yes, it can be very heavy on our souls to deal with difficult conversations. On the one hand, it obviously doesn’t pass me by when someone is struggling, so it can be hard. But on the other hand I feel that I can help many of my callers.

Q: Has your work impacted the way you approach other people? Do you think you have more awareness for mental disorders and problems?
A: My work has greatly impacted my private life, absolutely. I’ve learned a lot over the years. The most important lesson for me was that I should take people as they are, not as I want them to be. I would say that I’ve always had good instincts when it comes to others, I think. But these instincts have become even stronger through my work with the helpline.

Q: Do you remember one special conversation? Something that was especially moving or difficult to deal with?
A: I have a lot of difficult conversations in mind. They haunt me and are hard to deal with for sure. It’s especially hard to hear when a caller says that they are going to kill themselves…
When it comes to positive experiences, I once spoke to a young woman for a long time. She asked me: „Are you a therapist?“, to which I replied: „no, I’m volunteering for the helpline.“ She said: „My therapist does the exact same things you do and I pay him 95€ an hour.“
Or another situation: a caller said that she had gotten the number from her therapist, to get her through the time between 3pm on Friday afternoons until Monday morning, because we are always available. That’s a nice reward for our work, isn’t it?
F: Wie bringst du Abstand zwischen dein Leben und die Dinge, die Anrufer*innen mit dir teilen? Wie verarbeitest du die eigene psychische Belastung?
A: In der Ausbildung lernen wir, wie wir uns abgrenzen und auch schützen können. Das ist einmal die Anonymität, wir melden uns nie mit Namen, sondern  nur „Telefonseelsorge, guten Tag“. Das Verarbeiten von solch schwierigen Gesprächen ist nicht immer einfach. Aber, das ist ganz wichtig, wir sind verpflichtet, 1x im Monat an einer Supervision teilzunehmen. Das geht so vor sich, dass ich ein Gespräch, das mich im Nachhinein belastet, dort zum Thema mache. Ich stelle dieses Gespräch so vor, wie es abgelaufen und ich es in Erinnerung habe. Dann sprechen wir in der Gruppe darüber, es kommt der zu Wort, der glaubt, etwas sagen zu müssen. Oder es aus einer ganz anderen Richtung betrachtet. Das ist oft sehr gut, da kommen dann Dinge zu Tage, an die ich vielleicht gar nicht gedacht habe und so weiter.

F: Was würdest du einer Person sagen, die sich nicht traut den Service der Seelsorge in Anspruch zu nehmen?
A: Ganz klar, Mut machen, sich zu öffnen, Mut machen, da es ja anonym ist, und dass der*die Anrufer*in nichts falsch machen kann. Ich ermutige den*die Gesprächspartner*in auch oft, wieder anzurufen. 

F: Hast du Tipps für Menschen, die für Personen in ihrem Leben besser dasein wollen? Wie lässt sich ein Gespräch initiieren? Worauf sollte geachtet werden? Was macht in deinen Augen eine*n gute*n Zuhörer*in aus?
A: Tipps geben ist immer eine schwierige Sache. Wir sind ja auch in Gesprächsführung ausgebildet, im Laufe der Jahre habe ich in dem Bereich Erfahrung gesammelt. Interessant ist, dass ich anscheinend oftmals ein Gespür dafür habe, um was es im Hintergrund der*des Anrufer*in geht.
Zuhören ist wichtig, in der Regel erwartet aber der*die Anrufer*in etwas. Ein gutes Gespräch läuft dann gut, wenn ich die Person dazu bringe, die Dinge zu sagen, die sie meistens schon im Kopf hat. Sie brauchen aber Ermutigung diese Gedanken auch auszusprechen.




Q: How do you distance yourself from your work and the things that callers share with you? How do you deal with the mental load of it all?
A: During our training we learn how to distance and protect ourselves. Everything is anonymous, which makes everyone involved feel safer. We never say our names, just „This is the helpline, hello.“ It’s not always easy to process those difficult conversations. But, and that’s really important, we are obligated to participate in a mental supervision once a month. There I can talk about the conversations that have been difficult for me and address them with others. I talk the others through the conversations as I remember them. We then talk about it as a group, everyone who wants to share can do so. It’s good to hear different perspectives. Often times the others bring things to the table that I hadn’t thought of before.

Q: What would you say to a person that is hesitant or scared to use the helpline services?
A: I would encourage them to be open towards it, encourage them because it’s completely anonymous; there is no right or wrong way to behave for a caller. I also tell them that they are welcome to call again any time.

Q: Do you have advice for people who want to get better at being there for others? How can they initiate a conversation? What should they keep in mind? In your opinion, what makes a good listener?
A: Giving advice is tricky. At the helpline, we are trained at conversations and over the years I’ve gathered a set of skills. It’s interesting to realise how I kind of feel what is going on deep down, when I talk to a caller.
I think listening is the most important thing, usually the caller is expecting something. A conversation is good, if I manage to encourage and listen to the caller in a way that makes them say the things they’ve already had inside of them. They just need the extra nudge to be able to say it out loud.
F: Wie denkst du können wir in unserer Gesellschaft ein größeres Bewusstsein für psychische Probleme/Krankheiten schaffen und unsere Empathiefähigkeit verbessern?
A: Eine große Frage. Wir können in unseren Bekanntenkreisen einfach versuchen, empathisch miteinander umzugehen. Das gilt in meinen privaten Kreisen, genauso aber auch in meiner Arbeit bei der Telefonseelsorge. Die Anrufer*innen spüren sehr schnell, ob ich bei der Sache bin. Schon wenn ich mal abschweife, merken es die meisten sofort. Viele sprechen das auch an. Wir sind natürlich auch keine Therapeuten, wissen aber oft genau, dass der*die Anrufer*in sich Hilfe bei entsprechen Fachleuten holen müsste. Das spreche ich dann an, „Holen Sie sich professionelle Hilfe“. Viele der Anrufer*innen haben Psychiatrieerfahrungen und sagen das auch offen. Das hat sich sehr gewandelt. Als ich ein junger Mann war, haben wir uns alle gescheut, das Wort Psychiatrie überhaupt in den Mund zu nehmen. Darüber gesprochen wurde kaum. Das war bei mir anders. Ich war viele Jahre Besucher im “Psychiatrischen Krankenhaus“  in XY. Ich habe im ersten Jahr kaum darüber gesprochen. Bis ich dann offen darüber reden konnte. Geblieben ist bei mir, dass ich keine Witze mehr hören konnte, über die „Hoppla“, wie manche die Patient*innen nannten etc. Ich würde mir wünschen, dass jede*r ernstgenommen wird von anderen und wir offener mit einander und unseren individuellen Problemen umgehen können.




Q: Any ideas how we as a society, can become more aware of mental problems/illnesses and work on being more empathetic?
A: A big question. We can try being more empathetic in our own circles. For me this rule applies in my private life as well as in my work with the helpline. The callers can sense when I’m not paying attention. It can happen that I drift off and they will feel it. Many of them address that. We aren’t trained therapists, but a lot of times we are able to tell if a caller needs professional help. I will tell them: “Please try to get a professional opinion/professional help.“ Many callers have been admitted to psychotic hospitals in the past and communicate that. That’s something that has changed over time. When I was a young man, no one dared to even say the words ‚psychotic hospital‘ out loud. I tried to be different. I used to visit people in the psychotic hospital in XY. During my first year there, I barely talked about it to anyone. It took a long time until I was able to talk about my experiences there. Something that has stuck with me is that I can’t tolerate jokes about the patients, or “Oopsies“ as some people called them. I would like to see everyone being able to open up about their problems and be taken seriously.

Falls Du Hilfe brauchst oder anonym mit jemensch sprechen möchtest, findest Du HIER mehr Informationen über die Telefonseelsorge. Die Nummer in Deutschland ist die 0800 111011 oder die 0800 1110222. Die Britische Telefonseelsorge erreichst Du unter 0044 116123, oder auf ihrer Website HIER. Es gibt in Deutschland auch die Muslimische Telefonseelsorge, die Du unter der Nummer 030 443509821 erreichen kannst. Weitere Nummern und internationale Telefonseelsorge findest Du HIER.
Denk daran, dass Du nicht allein bist und Hilfe und Zuhörer*innen verdienst, wie jede*r andere auch.
//K.




If you need help and/or someone to talk to, you can find more information about the telephone helpline HERE (German). The German numbers are (+49)0800 1110111 or (+49)0800 1110222. The British helpline can be reached via 0044 116123, or you can find information on their website HERE. In Germany there is also a muslim helpline, which you can call by dialing the following number: (+49)030 443509821. More numbers and international helplines you can find by clicking HERE.
Please remember that you are not alone and that you deserve to get help and be listened to just like everyone else.
//K.

Fotos // Photos: © Joel V. (Instagram: @joelv.cr2)

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